Gertrud van Zelst

Die tragische Lebensgeschichte von Gertrud van Zelst – Gräfin von Bentheim

Gertrud-van-Zelst-270x360Im Winter 1661 verliebte sich Graf Ernst Wilhelm, der als Junggeselle mit seiner Schwester und seiner Mutter in der Burg Bentheim lebte, in Gertrud van Zelst. Sie war die zehn Jahre jüngere, energische niederländische Hofdame seiner Mutter. Im August des folgenden Jahres heirateten sie, während Gertrud hochschwanger mit ihrem ersten Kind war. Weitere Kinder folgten bald; insgesamt bekamen sie sechs Kinder.

Die Familie von Ernst Wilhelm war jedoch nicht froh über diese Ehe mit einer unadeligen Frau. Sie versuchten, die Ehe für nichtig zu erklären und den Bruder von Ernst Wilhelm, der Graf zu Steinfurt war, zum rechtmäßigen Erben zu erklären. Am Ende unterzeichnete der sanfte Ernst Wilhelm, von dem bekannt war, dass er versuchte, jeden Konflikt zu vermeiden, eine entsprechende Urkunde.

Brief an den Bischof
Als Gertrud davon erfuhr, traf sie eine Entscheidung, die weitreichende Konsequenzen haben sollte: Sie schrieb ohne Kenntnis ihres Mannes einen Brief an den Bischof von Münster und bat ihn, den Schutz ihres Sohnes und ihrer spӓteren Kinder zu übernehmen, das heißt: alles für sie zu tun, was im besten Interesse der Kinder war. Dieser Bischof von Münster, Bernhard von Galen, war nicht nur Bischof, sondern auch Fürst und war bekannt als starker Unterstützer des römischkatholischen Glaubens und für seine aggressive Machtpolitik. Er hatte dem deutschen Kaiser, der ein persönlicher Freund von ihm war, mit dem Krieg gegen die Türken geholfen, die Wien zu erobern drohten. Sein Spitzname war „Kanonenbischof“ – wegen seines besonderen Interesses an Kanonen. Später sollte er zweimal die Niederlande angreifen und 1672 fast die gesamten östlichen Niederlande erobern.

Katholisch
Der Bischof sah in dem Brief sofort Möglichkeiten, seinen Einfluss in dem evangelisch-reformierten Bentheim zu erweitern, das im Übrigen eine strategisch sehr günstige Lage neben der Republik der Vereinigten Niederlande hatte. Er nahm daher die Vormundschaft über die Kinder an und arrangierte sich auch mit dem deutschen Kaiser, dass Gertrud in den Adelsstand erhoben wurde. Doch er tat es nicht umsonst, denn er bestand bald darauf, dass die Kinder erzogen werden sollten in „dem einen wahren Glauben“ und dass selbst die Eltern besser römisch-katholisch werden sollten.
Um Ernst Wilhelm besser beeinflussen zu können, sorgte er sogar dafür, dass dieser einen katholischen Ratgeber aus Münster einstellte. Ernst Wilhelm zweifelte, aber Gertrud wollte nichts vom katholischen Glauben wissen. Also passierte eine Weile nichts, bis der Bischof die Geduld verlor und sich eine besondere Gelegenheit bot: Philipp Konrad starb in Steinfurt und auf der Rückreise von der Beerdigung wurde Ernst Wilhelm in einem Wald bei Münster vom Bischof aufgelauert und nach einigem Beharren nach Münster mitgenommen worden. Dort wurde er vollständig von seinen Dienern getrennt und es wurde ununterbrochen auf ihn eingeredet, er solle sich zum römisch-katholischen Glauben bekehren. Nach drei Tagen geschah dies und es wurde sofort vom Bischof verkündet und als großer Sieg gefeiert. 

Flucht in die Niederlande
Sobald Gertrud davon erfuhr, schickte sie sofort ihre Kinder in die Niederlande und schloss die Tore der Burg. Sie war sich sehr wohl bewusst, dass ihr Ehemann völlig unter dem Einfluss des Bischofs stand. Bald schon kamen die ersten Soldaten aus Münster „um sie zu beschützen“. Die sich sträubende Gertrud schickte sie jedoch mit der Ankündigung „Ich will zuerst meinen Mann Sehen“ weg und hielt die Tore geschlossen. Dann fuhr der Bischof mit einer Armee von zweitausend Soldaten nach Bentheim und besetzte die Burg. Er stellte fest, dass die Kinder verschwunden waren, und damit drohten seine Pläne, durchkreuzt zu werden. Gertrud wurde gefasst und es wurde großer Druck auf sie ausgeübt, damit sie die Kinder nach Bentheim zurückschickt. Gertrud gab nicht nach, auch nicht unter Morddrohungen. Am Ende gelang es ihr, verkleidet als Bauernmädchen, zu entkommen und die Grenze zu den Niederlanden zu überqueren. Sie blieb für den Rest ihres Lebens bei ihren Kindern in Den Haag.

Nach der nötigen Diplomatie und einer Reihe erfolgloser Versuche, die 
Kinder zu entführen, wechselte der Bischof die Strategie: Er sorgte dafür, dass die Ehe von Ernst Wilhelm und Gertrud aufgelöst und ein Verfahren in Gang gesetzt wurde, um ihnen den Adelsstatus abzuerkennen. Die Auflösung der Ehe machte den Weg frei für eine erneute Heirat Ernst Wilhelms, diesmal mit einer adeligen, katholischen Dame. Gertrud versuchte von den Niederlanden aus, offiziell vor dem Gericht in Den Haag Einspruch einzulegen, um die Heirat zu verhindern, aber vergeblich. Die Heirat brach ihr das Herz und sie starb kurz darauf an Kummer. Als ultimative Demütigung wurde Gertrud kurz nach ihrem Tod tatsächlich der Adelsstatus wieder aberkannt.

Das Vermächtnis
Nach dem Tod von Ernst Wilhelm 1693 folgte ein gewaltiger Rechtsstreit über die Erbschaft. Am Ende wurde ein Kompromiss erzielt: Die Familie aus Steinfurt übernahm die Kontrolle über die Grafschaft Bentheim und die zu diesem Zeitpunkt erwachsenen Kinder von Gertrud übernahmen die Kontrolle über den viel kleineren Landkreis Steinfurt.

Aber das war nicht das Ende der Geschichte. Denn fast hundert Jahre später gab es keinen männlichen Erben in Bentheim mehr und dadurch erbten die Nachkommen von Gertrud noch die Grafschaft Bentheim. Bis zum heutigen Tag besitzt dieser Zweig der Familie die Burg und eine Reihe von Ländereien in der Gegend. Und so hat Gertrud van Zelst am Ende erreicht, was sie wollte: Ihre Nachkommen sollten die Nachfolger des Grafen werden.

 

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